Der zweite Bildungsweg, eine zweite Chance für viele SchülerInnen

Aktualisiert: Jan 28

Viele Eltern versuchen ihre Kinder an einem Gymnasium anzumelden. Leider kommt oft, früher als gedacht, der Schock und die Verzweiflung, dass das eigene Kind überfordert ist und man selbst nciht helfen kann. Der zweite Bildungsweg bietet ihrem Kind die Möglichkeit, seine Kindheit zu leben und auch im Jugendalter Platz für die Pubertät zu lassen. Vor allem sich zu entfalten und zu entdecken, was es werden möchte und welche Qualifikationen man dafür benötigt.


Auf dem Gymnasium entsteht ein hoher Druck, die SchülerInnen müssen schnell selbstständig werden und immer fleißig lernen, da es den wenigsten zufliegt. Viele Eltern versuchen dies mit Nachhilfe zu kompensieren, was leider nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich ist. Wichtig ist immer noch, dass das Kind beim Lernen Spaß hat und versteht, dass es für sich und seine Zukunft lernt und nicht für andere.


Der zweite Bildungsweg kann über eine Regelschule oder Privatschule laufen, die im Bereich der Haupt- und Realschule arbeiten, viele bieten inzwischen sogar einen gymnasialen Zweig mit einem Kurssystem an. So können die SchülerInnen ihrem Alter entsprechend gefördert und gefordert werden. Ich selbst war damals auf der Realschule in Neuenkirchen-Vörden und beschloss in der 9. Klasse, dass ich Lehrerin werden möchte.


Dann kam die Frage auf: "Wie bekomme ich mein Abitur, wenn ich NICHT auf das Gymnasium gehen möchte?"


Die FOS Sozialwesen


Ganz einfach: Nach der Realschule kann man mit erreichtem erweitertem Sek I Realschulabschluss die Fachoberschule besuchen. In meinem Fall war es die FOS Sozialwesen (Marienhain Vechta). Ich besuchte die Klasse 11 und 12 und hatte das Glück in der 11. Klasse in Modulen Unterricht und Praktika zu haben, sodass ich einen längeren Einblick in 4 Arbeitsbereiche (Altenheim, Krankenhaus, Kindergarten und Industrie) bekam. Mit erfolgreicher Beendigung der Klasse 12 erhielt ich meine Fachhochschulreife im Bereich Sozialwesen.


Die BBS Sozialassistenz


Dann besuchte ich die Berufsbildende Schule Sozialssistenz und konnte in das zweite Jahr einsteigen, durch die erworbene Fachhochschulreife. Nach einem Jahr erhielt ich nach erfolgreich absolviertem dualen System (3 Praxistage und 2 Unterrichtstage die Woche) mein Staatsexamen. So erhielt ich die Zugangsberechtigung zur Oberschule Sozialwesen.


Die BOS Sozialwesen


Die Berufs-Oberschule-Sozialwesen (13. Klasse) besuchte ich in Osnabrück an der BBS an der Natruper Straße. Dadurch, dass ich in der Realschule Französisch hatte, erhielt ich nach einem Jahr das Vollabitur (ohne Zentralabi, die Arbeiten wurden noch von den Lehrern gestellt). Da ich Französisch studieren wollte, musste ich für mindestens 6 Monate nach Frankreich, um eine Berechtigung zum Studium zu bekommen, da der Französischunterricht damals noch in Klasse 7 begann.


Die Zulassung für das gewünschte Studium, Au-Pair und Arbeiten im Ausland


Für das Studium benötigte ich 5 Jahre Französischunterricht als Nachweis oder ersatzweise einen mindestens 6 monatigen Aufenthalt in einem französischsprachigem Land. Da ich für ein Jahr nach Frankreich ging, als Au-Pair, erhielt ich eine garantierte Aufnahmeberechtigung, ohne eine Aufnahmeprüfung machen zu müssen. Um den Anforderungen trotz allem gerecht zu werden, da ich 5 Jahre kein Französisch mehr gesprochen hatte, besuchte ich ein Sprachinstitut in Aix-en-Provence. Hier perfektionierte ich meine Sprachkenntnisse.


In der Au-Pair Familie kümmerte ich mich um zwei Frühchen (Zwillinge). Das war eine schöne, aber auch anspruchsvolle Tätigkeit. Vorgesehen waren 30 Wochenstunden und beim mir waren es ca. 60 Wochenstunden. Natürlich schlafen die Babys auch aber, man kann die Umgebung nicht erkunden und sitzt in der Wohnung fest. Zudem gehören ja auch noch Tätigkeiten wie Putzen, Kochen, den älteren Sohn (11) bei den Hausaufgaben unterstützen, zum Tennis bringen oder zu Freunden etc. zu meinen Aufgaben. Aber wenn ich am Wochenende das Land erkundete und gegen späten Nachmittag wiederkam, war es immer toll, wenn die beiden Mädchen mich anlächelten und als sie krabbeln und ansatzweise laufen konnten immer freudig auf mich zukamen. Durch die vielen Stunden baute ich eine besondere Bindung auf, was vermutlich nicht vorgesehen ist. Die Erfahrungen möchte ich jedoch nicht missen.


Am meisten lernte ich das Sprechen im zweiten Halbjahr, als ich Mitglied in einem Surfclub in Marseille wurde. In den letzten zwei Monaten wohnte ich sogar in einer WG in Marseille und arbeitete bei einer Zeitarbeitsfirma. Für diese führte ich Inventuren in Kaufhäusern und Baumärkten durch und verkaufte Taschenradios auf der Rugby-Weltmeisterschaft. In diesen zwei Monaten habe ich gerlernt, komplett fließend zu sprechen, da keiner Deutsch konnte. Eine spannende, aufregende und sehr lehrreiche Zeit.


Das Studium


Im Anschluss studierte ich in Osnabrück das Lehramt für die Realschule. Zunächst begann ich mit den Fächern Mathe und Französisch und ab dem 5. Semester nahm ich ein Zweitstudium auf, sodass ich meinen Bachelor of Arts mit Französisch und Textil abschloss, einige Mathescheine erwarb und im Master dann Französisch und Textil als Fächerkombination studierte.


Wichtig, wenn ihr ein Zweitstudium beginenn wollt, egal ob es einfach ein Drittfach werden soll oder ihr ein Fach tauschen möchtet im Master. Hierfür benötigt ihr ein viertes Fach, da man sich neu einschreiben muss. Ich schrieb mich für Physik und Textiles Gestalten ein. Eigentlich ist das nicht möglich, da bei dem Realschulstudium ein Hauptfach dabei sein muss. Ausnahmen sind Kombinationen mit Mangelfächern, in diesem Fall Physik. Ihr müsst euch dann informieren, welche Fächer im Moment als Mangelfächer ausgeschireben sind. Jedoch studierte ich Physik nicht, sondern ließ dann nach der Zulassung zum Zweitstudium Französisch mit Textil zusammenschreiben. Dadurch konnte ich die erworbenen Mathescheine behalten und weiterhin in der Mathefachschaft tätig sein.


Das Erasmuspraktikum


Der Höhepunkt meines Studiums war das Erasmuspraktikum in der Soierie Vivante in Lyon, ein Verein der mit Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter ehemalige Webereien aufrechterhält als Museen, dort Führungen und Kreativ-Workshops für Kinder und Jugendliche anbietet.


Dort durfte ich Führungen auf Deutsch, Französisch und Englisch selbstständig durchführen, pädagogische Web-Workshops mit Kindern und Jugendlichen mit betreuen, regionale Seidenprodukte in der Boutique verkaufen und Übersetzungsarbeiten (Französisch - Deutsch) übernehmen.


Vielen Dank an dieser Stelle, besonders an Hélène Carleschi, meine Praktikumsbetreuerin, die mich bei der Recherche für meine Masterarbeit unterstützte, indem sie mir Kontakte vermittelte in der Seidenindustrie in Frankreich sowie zu Museen und mir den Raum gab, diese dort zu verfassen.



Auch wenn man von der Realschule kommt, kann man studieren. Ihr müsst es nur wollen!


27 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen